Techno

Love-Parade 1995

 

   
   
 

Was immer du über Techno schreiben wirst, wird falsch gewesen sein, verheißt mir schelmisch grinsend DJ Amina, einer der wenigen weiblichen DJ’s in Wien. Bleibt zu sagen, was ein DJ ist. Ein DJ ist eine jugendliche Person, die ein Musikinstrument zu spielen meint, wenn sie einen Plattenspieler betätigt. Aber das war nun ganz sicher falsch. Falsch!

Doch ich will nicht unbelehrbar wirken: Daß jene Leute, die medial konservierten Maschinenlärm spontan vor Publikum in eine Reihenfolge bringen, an die Stelle von Komponisten und Musikern getreten sind, hat den guten Sinn, durch heldenhafte Anonymität dem kommerzialisierten Genie- und Starkult entgegenzutreten. Wer sich erfolgreich anonymisiert, wird sodann unter einem Decknamen zum Star der Techno-Szene. Hab’ ich da nun schon wieder etwas falsch verstanden? Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig nach Neuem giert - wird zumindest von jenen behauptet, die das Wort Gesellschaft gerne im Munde führen. Doch wehe, etwas wahrhaft Neues taucht auf: Wehklagen und Empörung. Man erkennt das Neue daran, daß es wie Sand im Getriebe der großen Verständigungsmaschine knirscht. Neu ist, was man anfangs nicht versteht. Woraus folgt, daß unsere Freude über all die Neuigkeiten, mit denen uns die Medien dankenswerterweise täglich unterhalten, eine Freude des bloßen Wiedererkennens ist. Weil uns Senioren über fünfundzwanzig diese Einsicht kränkt, haben die sechzehnjährigen Technofans daran doppelt Spaß. So hart ist das Leben - nur Techno ist härter.

Einiges zu meinem Verständnis von Techno trug ein Preßlufthammer bei, der kürzlich frühmorgens vor meinem Schlafzimmer in Aktion trat und mich einige Stunden lang in den diversen Nuancen des Halbschlafs gefangenhielt. Im Zwischenreich von Schlafen und Erwachen, in einer unfreiwilligen Trance der totalen Vibration, erfand irgendetwas in mir die Möglichkeit, den Terrorsound positiv umzudeuten, mit ihm mitzuschwingen, in ihn einzustimmen. Ich begann die minimalen Abweichungen im Strom der Hammerschläge als Rythmus wahrzunehmen, Lust an Synkopen und Brakes zu entwickeln, eine klangliche Dimension aus dem Geräusch herauszuhören, kurz, den über mich verhängten Lärmexzeß als Sonderfall einer Minimal Music, einer Maximal Music, als tek-k-k-kno zu interpretieren. Welche Wohltat, Entspannung, Erlösung! Nach dem Frühstück dann fiel mir ein, daß ich auch meinen ersten Leseversuch eines Buches von Immanuel Kant als Buchstabenlärm empfunden hatte, den dritten jedoch als Enthüllung von reinstem Sinn. Mein Weg vom Lärmempfinden zum Musikhören führte über das (unfreiwillige) Verschieben der Reizschwelle und die (von der Wehrlosigkeit des Unausgeschlafenen begünstigte) Bereitschaft zu lernen. Bald darauf begann ich, mir Techno-CDs zu kaufen, um mein Verwandlungserlebnis zu wiederholen. So wurde mir die Sprödigkeit des repetitiven Krachens und Wummerns zur lustvollen Verzögerung meiner Erschließung des musikalischen Filigrans. Techno ist eine harte Nuß, die hinter ihrer rauhen Schale doppelt schmeckt. Jetzt habe ich doch glatt Techno als Musik mißverstanden, ein neues Phänomen alten Kodierungen unterworfen - Techno ist keine Musik, sondern bloß ein schallförmiges Mittel, um im Verein mit Chemie, Stroboskop und Nebelwerfer die Körper der Tanzenden zu einer großen zuckenden Einheit verschmelzen zu lassen ... es gibt keine Musiker, keine Komposition, bloß das ekstatische Hier und Jetzt einer Körper-Maschinen-Übertragungs-Maschine. Techno ist der Ohrenstecker für den online-Anschluß ans Ganze und ans Netz (was dasselbe ist). Oder auch nicht. Der Versuch, eine Musikrichtung, die programmatisch nicht nur auf Textgesang, sondern auch auf Melodie als Bedeutungsträger verzichtet, zu texten, ist ein programmatisches Scheitern. Buchstabenlärm, unverständlich.

Bist du links, rechts oder techno, und macht diese Frage überhaupt Sinn, oder ist Sinn vielmehr gerade das, wogegen Techno mit festem Schuhwerk antritt? In München, Köln, Wien, Berlin und Zürich finden während der Sommermonate Techno-Paraden statt, die zehntausende Jugendliche auf die Straße bringen. Zur siebenten Berliner „Loveparade“ am 8. Juli werden gar weit über hundertfünfzigtausend Raver erwartet. Da die Veranstalter dieser Tanz- und Musikumzüge darauf bestehen, daß es sich dabei nicht um soetwas wie Faschingstreiben (trotz aller Ähnlichkeiten), sondern um Demonstrationen handle, wird die größtenteils programmatisch apolitische Technojugend im Vorfeld ihrer Tanzparaden nolens volens zum Subjekt und Objekt von Politik. Gerade die offensive Betonung des unpolitischen Charakters von Techno reizt die gegensätzlichsten Interessengruppen zu skurrilen Vereinnahmungsversuchen. Der Vergleich der politischen Querelen rund um die Paraden in Wien und Berlin läßt Ähnlichkeiten erkennen, die einiges über die politische Struktur von Techno verraten: Die einst selbst sozialistisch Jugendbewegte Frau Dr. Pasterk hat es auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen zur Kulturstadträtin von Wien gebracht. Lang ist es her, daß sie zuletzt dreißigtausend Jugendliche auf der Wiener Ringstraße an ihrem Amtssitz vorbeiziehen sah. Doch halt! - wo sind die Transparente geblieben, die Sprechchöre, die Inhalte, die Anliegen? Statt zu marschieren wird gezappelt und gehopst, statt Parolen gibts maschinelles Gedröhne, und was noch schlimmer ist: der Feind heißt nicht mehr „kapitalistischer Imperialismus“. Vielmehr ist Frau Dr. Pasterk selbst nun als Mitglied jener Stadtverwaltung, die Techno-Veranstalter stets bürokratisch zu schikanieren pflegt, zum Feindbild der Jugend geworden. Brüskiert vom offenkundigen Verrat der neuen Generation an all ihren 68er-Idealen griff die Stadträtin zur Feder und verriet in einem Zeitungsartikel der entsetzten Techno-Szene ihre Einschätzung aktueller Jugendkultur: Von Nietzsche, Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger, aus dessen „Stahlgewittern“ sie den „Heißhunger nach dem Außergewöhnlichen“ zitierte, spannte sie einen argumentativen Bogen über die rechtsradikalen Bombenbastler bis hin zur angeblich rechts unterwanderten Techno-Szene: „Die Techno-Faschisten von heute sehen das Außergewöhnliche im Grenzerlebnis des Musik- und Drogenrausches und in einem terroristischen Aktivismus, der oft, jenseits aller politischen Zwecke, den Charakter eines quasi-surrealistischen „acte gratuit“ annehmen kann.“ Für diese „gelangweilte desorientierte Jugend“ befürchtet die vermeintlich wohlorientierte Kulturrätin weiter, daß die nihilistisch gefärbte l’art pour l’art jenseits der sozialen und moralischen Sphäre in demokratiegefährdende Impulse umschlagen könne...

Hat die linke Eltern- und Lehrergeneration recht, wenn sie alles, worin sie nicht ihre eigenen Überzeugungen wiedererkennt, als rechtsradikal verdächtigt? Bestätigen derlei Attacken nicht unfreiwillig die These Carl Schmitts, daß Verfeindung die Grundlage des Politischen sei? Kann es neben dem gewohnten Links und Rechts ein Drittes geben? Tatsächlich beansprucht die Techno-Bewegung das Demonstrationsrecht und damit den öffentlichen Raum Straße als politischen Ort, entzieht sich jedoch gleichzeitig der Verstehbarkeit im Rahmen des eingespielten Links-Rechts-Diskurses. Diese paradoxe Provokation der herrschenden Politik löst bei allen Parteien zuerst Verstörungen aus, denen nach einigem Nachdenken hilflose Anbiederungen folgen. Hundertausend junge Menschen auf der Straße unterwegs ohne Richtung erscheinen jeder Richtung als fette Beute. Bei der Anmeldung der Wiener Parade als Demonstration vermochten die Beamten anfangs kein politisches Programm in dieser „spaßkulturellen Jugendbewegung“(SZ) zu erkennen. Diesem Mangel wurde vonseiten des Veranstalterteams aufgeholfen durch die Forderung nach Vereinfachung der Bürokratie und Lockerung der Sperrstundenregelung für Raves. Diffuse und abgeschmackte Parolen wie „Demonstration für gelebte Selbstbestimmung und Öffnung der Stadt als Bewegungsraum“, womit nichts anderes als der Vollzug des Tanzes gemeint ist, dekorierten das magere politische Programm. Als die Stadtväter begriffen, welche Menschenlawine auf sie zukommen würde, schwenkten sie rasch und erteilten der „Free Party ‘95“ das Demonstrationsrecht. Der wie Pasterk sozialdemokratische Bürgermeister installierte in Windeseile einen beamteten „Event Trouble Shooter“, der Rave-Inszenatoren ihre Behördenwege erleichtern soll, und präsentierte sich damit vier Tage vor der Parade in einer Pressekonferenz als großer Förderer der Jugendkultur.

Zwei Gründe machten es für die Veranstalter notwendig, sich ein politisches Programm auf die Fahnen zu schreiben: da war einerseits der schwer zu beseitigende Verdacht, das Demonstrationsrecht werde bloß dazu mißbraucht, der Kommune die Kosten der Müllbeseitigung aufzuhalsen. Zweitens wappnete sich die Veranstaltercrew damit gegen Atacken der Konkurrenten aus der sogenannten „Szene“. Der „Verein Free Party“ sah sich nämlich alsbald in einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Verwaltung und „Underground“ verwickelt. Selbsternannte Szene-Vertreter mit den enthüllenden Decknamen „Sabotage“, „Pure“ und „Monoton“ bemängelten den Mangel an Revoltenhaftigkeit des Tanzvergnügens. Während sie den Veranstaltern einerseits vorwarfen, zu wenig Druck auf die Politiker auszuüben, schlugen sie sich andererseits mit ein paar linken Sprüchen argumentativ auf die Seite der Kulturstadträtin: der Party fehle die basisdemokratische Legitimation und ein politischer Forderungskatalog, sie sei längst kommerzialisiert, von ihren Sponsoren vereinnahmt und damit jenseits der „Undergroundszene“, im Reich des Großen und Etablierten situiert. „Techno ist Zustandsbeschreibung ohne Worte, averbale Politik, hat im globalen aber doch eine Message, und die lautet sicher nicht Wer-baut-den-größten-Konzern“, schrieb ein „Hans Wu“ in der themenspezifischen Computer-Mailbox den Veranstaltern hinter die Ohren. Herr „Sabotage“ schickte schließlich ein Auto mit elektronischem Hühnergegackere mit in den Umzug und sorgte damit für erfreuliche Abwechslung in der von schweren Soundsystemen bestückten Lastwagenkolonne.

Die Szene-Forderungen nach mehr Inhaltlichkeit blieben jedoch selbst inhaltlich dürftig: Wenn es nur gegen die Sperrstundenzeit für Tanzveranstaltungen geht, dann reicht das wohl nicht aus, um die Techno-Bewegung zu einer politischen Bewegung zu stilisieren. Die Versuche, diesen allzu konkreten Zielen einen verbalen Überbau zu verpassen, krankten wiederum an übermäßiger Allgemeinheit: wer wäre nicht für die Liebe und für den Frieden, für kulturelle Offenheit und Selbstverwirklichung? Auf näheres Befragen gibt Mister Sabotage dann auch umumwunden zu, daß „zwanghaftes Reindrücken von Inhalten Schwachsinn“ ist: „Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Kommerzialisierung des Techno, da diese einen neuen Underground provoziert. Ich protestiere, weil ich eben auf der Underground-Seite dieses Spiels spielen möchte...Würde die Stadtverwaltung umstandslos alle Forderungen der Polit-Fraktion der Raver erfüllen, so würde bei den illegalen Raves wohl der Kitzel wegsein. Je mehr Behördenschikanen, desto mehr Jugendkultur. Aber das kann man natürlich nicht fordern.“ In solch gewitzter Dialektik wird die paradoxe Struktur einer Revolte deutlich, die sich ihre Gegner erst mühsam konstruieren muß, um die Demo als entleerte Form der traditionellen Politik in ein rein ästhetisches Phänomen verwandeln und persiflierend in Beschlag nehmen zu können. Neben den linken Vereinnahmungsversuchen gibt es auch die rechten, wenn auch in weit geringerem Ausmaß. Jörg Haiders „F-Bewegung“ versuchte jüngst ihren Anhängern Techno schmackhaft zu machen - und scheiterte kläglich an deren Hörgewohnheiten. Da nützte auch eine publizistische Beschwörung der äußeren Ähnlichkeiten von Raves zu den vielzitierten Stahlgewittern nichts. Die radikal konservative christlich-monarchistische Studenteninitiative „Jes“ hingegen konnte Techno gut als Gegner gebrauchen und verurteilte den Wiener Bürgermeister wegen „Förderung einer wahnsinnigen und entarteten Subkultur“, in der Gewalt und Drogenmißbrauch gelebt werde und die eine ungeheure Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung darstelle. Die Jes forderte weiters „alle vernünftigen Österreicher auf, sich diese extremen Auswüchse unserer Gesellschaft nicht weiter bieten zu lassen.“ Techno schafft es somit, die gegensätzlichsten Politiker zu identischen Argumentationen zu provozieren. Die Kulturstadträtin ist sich mit ihrem schlimmsten Feind Jörg Haider einig, daß hier die Wiederkehr der Stahlgewitter vorliegt, und bekommt für ihre Ablehnende Haltung Schützenhilfe von den Monarchisten, ohne darum gebeten zu haben. An diesem Punkt, wo Politik in Posse umschlägt, entspringt der Verdacht, Techno könnte doch politisch sein. Zumindest als äußerst effiziente Taktik, Politiker dadurch, daß man sie in paradoxe Situationen bringt, dazu zu zwingen, sich öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Nicht einmal die Grünen konnten sich zurückhalten, die Technokids für sich zu reklamieren. Über Technikverherrlichung, Plastikkleidung und die Bevorzugung chemischer anstelle von „natürlichen“ Drogen sahen sie großzügig hinweg, wo es darum ging, die Jugend zu gewinnen. Eine Jugend, die bedauerlicherweise ganz unübersehbar eigene Ideen hat. Es mag ja kränkend sein - aber auch eine würdig ergraute Dauerjugendkulturgeneration kann sich die ihr nachfolgende Jugend nicht aussuchen. Seit Sechzigjährige Jeans tragen und Jugendlichkeit als Attibut das ganze Leben zu währen hat, konnte man schon meinen, das Kulturphänomen Jugend sei in seiner totalen Ausbreitung untergegangen. Seit Techno aber muß man über die totgeglaubte Jugend sagen: und sie bewegt sich doch! Für eine Bewegung, die nirgends hinwill, sondern auf der Stelle tritt, gibt es ein Wort - Tanz.

Hüpfen wir nach Berlin und lauschen wir den politischen Einsichten des DJ „Dr. Motte“, des Initiators der Loveparade, der den politischen Charakter der von ihm angemeldeten Demonstration so begründet: „Alle Weltkulturen tanzen seit Menschengedenken. Und so ist auch die Loveparade im Begriff, eine neue, gute Tradition zu werden, um ein Zeichen zu setzen für diese Welt“. Das Berliner Polizeipräsidium vermochte aufs erste in derlei tautologischem Allerweltsgefasel zurecht „keinerlei kollektive politische oder öffentlichkeitsrelevante Aussage“ erkennen und lehnte den Demonstrationsantrag ab. Doch die normative Kraft des Faktischen ist groß, und kein noch so hartes Politikerherz kann sich einer Jugend verschließen, wenn sie in genügend großer Zahl auftritt. Während die Medien geschlossen vermuteten, hinter dem politischen Getue verberge sich bloß das kommerzielle Anliegen, für die Müllentsorgung den Steuerzahler aufkommen zu lassen, tat Kultursenator Roloff-Momin kund, „der Gedanke des Friedens, der Freiheit und der Freundschaft, der bei der Loveparade vermittelt wird“, sei „hochpolitisch“. Auch SPD-Sozialsenatorin Ingrid Stahmer ließ sich von den Veranstaltern überzeugen, die Parole „Peace on Earth“ transportiere „weltweit das politische Anliegen der jungen Generation“. Die Party wurde schließlich doch als Demo anerkannt, nachdem die CDU in sich die Technopartei entdeckt und Dr. Motte sein bisher oft als Politverarschung mißverstandenes Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ präzisiert hatte: „Friede steht für Abrüstung, Freude für bessere Verständigung der Völker und Eierkuchen für die gerechte Verteilung der Nahrungsmittel in der Welt.“ Staatssekretär Kuno Böse ist daraufhin „einsichtig“ geworden. Nur die „taz“ wollte sich nicht überzeugen lassen: „Die Loveparade ist etwa so politisch wie ein Sonnenbad oder ein Besuch im Fitneßstudio - und das wissen die auf dem Ku’damm zusammenkommenden Techno-Jünger, die die von ihren Organisationsleitern dahergeschwindelte Programmatik seit Jahren ignorieren, am allerbesten.“

Anders Handeln als Beteuern ist das allgemeinste Verhaltensmuster in einem Land, dessen Bewohner auf ihre Ökomoral stolz sind, wenn sie ihr Auto bei Esso und nicht bei Shell tanken. Wenn Techno-Freaks, nach ihrer politischen Botschaft befragt, leere Sprechblasen von sich geben, so agieren sie damit das gesellschaftlich vorherrschende entkoppelte Verhältnis von Sprechen und Handeln szenisch aus. Sie führen den Politikern durch Nachäffen vor, was diese täglich tun, und verleiten sie damit auch noch dazu, sich auf ungeschickteste Weise selbst ihres Opportunismus zu überführen. Das einfältig und abgestanden klingende Parolenblabla der jungen Techno-Menschen ist raffiniert als Verweigerungsform gegenüber einem lückenlos gewordenen Legitimationsdiskurs, der noch für ein Tänzchen gute Gründe, moralische Absichten und politische Bekenntnisse verlangt - und seien die noch so leer. Wo einer Kultur der Spaß so sehr abhanden gekommen ist, daß sie sich von einem Tanz bedroht fühlt, wird eine Demonstration getanzter Sinnverweigerung tatsächlich zu einem wichtigen politischen Akt. Von der Technojugend kann man deshalb beliebige Bekenntnisse bekommen, weil es ihr darum geht, die Bekenntniskultur ihrer Beliebigkeit zu überführen. Die Technokultur kann die verbale Sinnvermittlung aufgeben und das Sprechen entdisziplinieren, weil sie ihren Sinn in andere Medien verschoben hat, wo er sicher ist vor den allesverstehenden Zugriffen der zu Ende aufgeklärten Talkshow-Geschwätzigkeit der Elterngeneration. Aus den Mündern der Tänzer wird man nichts Wesentliches erfahren, denn nicht mehr das gehörte Wort, sondern das gesehene Bild ist für sie als Wahrheitsmedium relevant.

Dies erweist sich schnell am Erscheinungsbild der Parade. Anders als ein Faschingsumzug ist sie das präzise In-Szene-Setzen von all dem, was die Eltern hassen: Maschinen, Lärm, Lastwagen, Luftverpestung, Neon, Militär, Chemie, Plastik, Müll, Glatzenfrisur, kollektives Mitmachen, Selbstvergessenheit, Computerglaube, Technikfreude, Körpermanipulation und Gentechnikhoffnung, totale Künstlichkeit, Ungeschichtlichkeit, Grund- und Ziellosigkeit, Unpolitischsein, Mediengeilheit und Verherrlichung des reinen Scheins. Nichts ist der gesellschaftskritisch redenden Generation verhaßter als leere Äußerlichkeit: in der Techno-Parade wird diese demonstrativ und in Reinkultur inszeniert. Hier wird nicht nur in Spaßform für all das demonstriert, wogegen die Eltern einst im Ernst demonstrierten, hier wird - Triumph der Ironie! - auch noch die Demonstration als Inbegriff des Effektlosen selbst auf die Schaufel genommen und zugleich den verwirrten Politikern als hehres Anliegen angedient. Der heroische Genuß alles Unbehaglichen und Unwerten wird von zuckenden Körpern demonstriert, die die Spannungen der symbolischen Brüche energetisch abarbeiten. Anstelle eines Selbsterfahrungs- und -verwirklichungstanzes sehen wir vor uns die bewegungsreiche Bemühung um Selbstvergessenheit - die Bemühung, das Ich als Instanz der Verantwortung für all das Gezeigte und der produktiven Selbstkontrolle des Körpers an dessen blinde Mechanik abzugeben. Im Spiegel dieser präzisen Umkehrversion aller derzeit geltenden Wertvorstellungen erblicken sich die Älteren so negativ, daß sie erschrecken.

Mit der modischen Schwärmerei für Raumschiff Enterprise holt sich die Jugend einen Abglanz jener Moderne, um deren Fortsetzung sie von der nostalgischen und naturseligen Reversion der Fortschrittsgeschichte betrogen wurde. Doch die Technotänzer betreiben keine Mimesis ans Verhärtete, sondern einen Kult der Selbstmedialisierung. Diese zeigt sich darin, daß die Kleidung, gemessen an traditionellen Vorstellungen, eher einer Verkleidung als einer Mode entspricht. Die Technomode besteht in der stringenten Darstellung beliebiger aus den Medien bekannter Klischees von Pippi Langstrumpf bis Sado-Maso, von Mister Spock bis zum leuchtend orangen Müllmann. Die Tänzer auf den rollenden Lastwagen und die Tänzer auf der Straße sind einander wechselseitig Akteure und Zuschauer. Sie tanzen einander gegenüber und sehen dabei einander zu: wechselseitiges Fernsehen, wobei man gleichzeitig in den Rollen des Stars und des Zuschauer agieren kann. Selbstmedialisierung heißt, der Simulation entrinnen, indem man selbst ihren medialen Ort real körperlich einnimmt. Eine Rolle zu mimen, wird hier als Technik eingesetzt, die Identität mit ihr zu antizipieren: man macht sich wechselseitig was vor, und siehe, es wird wahr in einer Sonderzeit und in einem Sonderraum, in der entrückten Zone des Technoschalls. Die Kinder in ihren leuchtorangen Müllfahrer-Anzügen demonstrieren, daß sie ein anderes Verhältnis zum Müll entwickeln konnten, als ihn schweigend zu produzieren und gleichzeitig wortreich darüber zu klagen.

Als der letzte Lastwagen mit seinem Rattenschwanz aus wackelnden Ekstatikern um die Ecke der Wiener Ringstraße verschwunden ist, folgt ihm ein authentisches oranges Fahrzeug der Straßenreinigung auf den Fuß. Der Fahrer, im selben orangen Overall wie die Tänzer vor ihm, lächelt grimmig, denn für ihn ist heute ein besonderer Tag. Während er sonst seine Tätigkeit als arm an Bedeutung, wenn nicht als Stumpfsinn erlebt, kann er sich heute als Repräsentant und Exekutor allen gesellschaftlichen Ordnungssinns fühlen. Er macht klar, daß die ganze Parade der Sinnlosigkeit ganz ohne Sinn nicht gewesen war.