Holz und Sprache –

philosophische Holz- und Auswege

 

   
   
 

Nur der Mensch verfügt über Sprache. Ob man von einer Sprache sprechen kann, wenn Tiere Signale austauschen, ist bis heute umstritten. Pflanzen haben keine Sprache, tote Bäume schon gar nicht. Dennoch ist es sinnvoll, von einer Sprache des Holzes zu sprechen. Einerseits dann, wenn Menschen Holz als beredt und bedeutend empfinden und sich davon angesprochen fühlen. Andererseits, wenn Holz dazu verwendet wird, etwas ausdrücken und kommunizieren zu wollen. Auch wenn der erste Fall eine Projektion, also eine Art produktives Missverständnis ist, hat dieses doch seinen guten Grund in der Verwobenheit der Dinge in die Kommunikation über sie. Und wenn Menschen Buchstaben, Töne und Tänze gebrauchen können, um sich einander mitzuteilen, warum sollte Holz nicht genauso gut als sprachliches Medium funktionieren?

Kein Ding ist rein funktional – seine Verwendung innerhalb der von Bedeutungen erschlossenen Welt lässt die kulturellen Konnotationen tief einsickern in die Materialien und Formen. Weil wir über die Dinge sprechen und ihnen dabei verschiedene Bedeutungen beilegen, haben wir am Ende den Eindruck, die Bedeutungen lägen in den Dingen selber drin. Das Wort „Baum“ steht dann nicht nur für jenes Gewächs, das dort draußen auf der Wiese wächst; auch umgekehrt steht dieses große Gewächs als Repräsentant und Zeichen für das, was wir abstrakt mit „Baum“ bezeichnen. Es fällt unter unseren kultur-spezifischen Baum-Begriff, verweist als Zeichen auf die Klasse der „Bäume“.

In einer anderen Sprachwelt könnte statt von einem Baum von „Riesenkraut“ die Rede sein. Das wäre dann etwas Anderes. In jeder halbwegs stabilen Welt scheinen die Bedeutungen in den Dingen drinnen zu wohnen. So gewinnen wir den Eindruck, dass sie aus den Dingen heraus zu uns sprechen. Der Philosoph Martin Heidegger hat einmal gesagt, die Welt sei „in einem Verweisungs-Zusammenhang von Bedeutungen erschlossen.“ In diesem Sinne hat das Holz eine Sprache. Das heißt aber auch: Innerhalb jeder kulturellen Sprache hat das Holz einen anderen Sinn.

Jeder weiß, dass dasselbe Wort in einer fremden Sprache etwas anderes bedeuten kann. Auch, dass ein Wort im Laufe der Zeit eine neue Bedeutung annehmen kann. Worte und ihre Bedeutungen stehen offensichtlich in einem beliebigen, nur durch wechselnde Konventionen hergestellten Zusammenhang. Weil die Dinge stabiler sind als die Worte, entsteht mitunter die Illusion, dass auch die Sprache der Dinge weniger beliebig und konventionell sei, als die gesprochene. Fragt man heute Menschen aus dem westlichen Kulturkreis, was die Bedeutung des Holzes ist, wird man viele ähnliche Antworten erhalten: Holz bedeutet Natürlichkeit, Echtheit, Einfachheit, Behaglichkeit, Gewachsenheit, Ursprünglichkeit, Nachhaltigkeit, Ländlichkeit… Wenn man sodann weiter fragt, ob das Holz so „ist“, oder ob das bloß willkürliche, momentane, beliebige modische Zuschreibungen sind, so werden alle im Brustton der Überzeugung antworten: Das ist die wahre, natürliche, ursprüngliche Bedeutung des Holzes. Das, was das Holz uns sagt. Das Holz erzähle uns die Wahrheit der Natur, es spreche die Sprache der Natur.

Diese Interpretation ist falsch. Doch der weit verbreitete Irrglaube ist schwer zu durchschauen – besteht doch der Kern der gegenwärtigen Holzmythologie darin, zu behaupten, man könne mittels Naturholz aus der Künstlichkeit unserer Kultur- und Sprachwelt aussteigen und wenigstens tendenziell in eine Art Naturzustand zurückkehren. Wenn das, was Holz heute angeblich bedeutet, wahr wäre, so wäre das Bedeuten des Holzes kein sprachliches, künstliches, sondern ein vorsprachliches, natürliches. Dann gäbe es keine Sprache des Holzes – im Sinne einer Sprache. Die gegenwärtige Holz-Mythologie ist insofern paradox: das Holz gilt als sprechendes Material, doch das, was es uns verkündet, verneint die für Sprache charakteristische Beliebigkeit und Konventionalität. Kann denn der Mythos des Natürlichen künstlich sein, so künstlich wie Plastik und Coca Cola, so austauschbar wie Britney Spears, so grund- und haltlos wie die momentane Bedeutung des Wortes „cool“?

Ein flüchtiger Blick in die Geschichte genügt, um zu erkennen, das Holz immer etwas anderes war. Die dunklen kreisförmigen Spuren der abzweigenden Äste in einem dreihundert Jahre alten Bauernbett wurden damals als Zeichen der Ärmlichkeit, Rohheit, Kulturlosigkeit gelesen. Seit den ökologischen Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts markieren sie für den stolzen Besitzer das „Naturholz-Echtholz-Vollholz-Bett“. In der Zeit des Empire wurde Holz für die Möbel-Gestaltung in Formen der Steinarchitektur des antiken Griechenland gebracht – Maserung hat man damals nur als Störung und Unvollkommenheit deuten können. Die neueste Rückkehr dunkler Tönungen ist nur aus dem modischen „Retro-Kult“ verständlich: Dieser wurzelt in einer Haltung ironisch-witziger Rückbesinnung auf die futuristischen 70er Jahre, als man sich noch nicht für Tropenholz genierte und alles Dunkelbraune, vor allem in Kombination mit der Farbe Orange, für „popig“ hielt und Befreiung durch Fortschritt und Technik damit assoziierte. Davon zu unterscheiden ist die „Nostalgie“ – sie sehnt sich ernsthaft und wehmütig nach Vergangenem zurück, während Retro unernst und distanziert auch gerne Wertloses herbeizitiert.

Holz spricht immer, aber es sagt stets etwas anderes. Wir müssen daraus folgern, dass Holz selbst bedeutungslos ist. Die anhaltende historische Karriere dieses Materials fußt auf seiner Wandlungsfähigkeit. Holz ist nicht nur funktionell offen gegenüber allen denkbaren Verwendungen. Weil es selbst auf der Ebene der Bedeutungen nichtssagend ist, eignet es sich hervorragend als Träger wechselnder Botschaften. Holz ist ein neutraler Stoff, deshalb taugt es zum Medium. Die Sprache des Holzes verdanken wir seiner medialen Qualität, die in der verdünnten Form des Papiers nur seine äußerste Zuspitzung findet. Papier ist geduldig – Holz ist es auch. Der Geduld dieses treuen Botenstoffs und Zeichenträgers danken wir alles, was aus ihm zu sprechen scheint.

Die theoretische Einsicht in die Bedeutungslosigkeit und die daraus folgende Bedeutungs-Offenheit ist praktisch wichtig. Denn der Bedeutungswandel muss weiter gehen, wie bisher. Um Innovationen andenken zu können, muss man sich erst einmal vom aktuellen „Naturholz-Mythos“ befreien. Was Holz uns morgen erzählen soll, müssen wir heute – erfinden.